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Die Ein-Satz-Regel: Was gegen Rechtfertigungszwang hilft


Bild: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-tmn

Überschwängliche Entschuldigungen, Gedankenkreisen um vergangene Gespräche oder Rückversicherung bei Freunden: Manche Menschen haben schon bei Kleinigkeiten den Drang, sich für ihr Verhalten zu rechtfertigen. 

In sozialen Netzwerken ist dann häufig vom Rechtfertigungszwang die Rede. Doch auch wenn es so klingt: Eine eigenständige Diagnose ist das nicht. Dennoch kann der sogenannte Rechtfertigungszwang einen enormen Leidensdruck bedeuten und Teil einer psychischen Erkrankung sein.

Erklärung vs. Rechtfertigung – der Unterschied

«Sorry, dass ich zu spät bin – ich stand im Stau.» Eine Bitte um Entschuldigung, weil man jemanden hat warten lassen und eine kurze Erklärung: knapp, höflich – und für die meisten damit abgehakt. Manche Menschen gehen mit so einer Situation aber anders um. «Bitte entschuldige, dass ich zu spät bin. Eigentlich bin ich ein pünktlicher Mensch und ich bin auch extra früh losgefahren, aber auf der Straße war kein Durchkommen. Ich hoffe, du bist nicht sauer. Tut mir wirklich leid!»

So oder so ähnlich klingt jemand, der sich für sein Verhalten rechtfertigt. Möglicherweise geht sie oder er die Situation im Kopf zusätzlich immer wieder durch oder fragt bei Freunden oder Kolleginnen nach, ob die andere Person wegen der Verspätung wohl sauer ist.

Der Unterschied liegt der Psychologin und Therapeutin Ulrike Bossmann zufolge nicht nur in der Länge des Gesagten, sondern auch in der Motivation. «Eine Erklärung dient der Kommunikation», sagt sie. «Die Rechtfertigung der Regulation der eigenen Gefühle.»

Wer sich rechtfertigt, will zum Beispiel etwas gegen Scham- oder Schuldgefühle tun und/oder ist besorgt, was andere von ihm oder ihr denken. «Wer sich rechtfertigt, verspricht sich davon emotionale Entlastung», sagt Bossmann.

Rechtfertigungszwang – mögliche Ursachen

Der Drang, sich ständig zu rechtfertigen, kann Teil einer psychischen Erkrankung sein. Etwa von Depressionen: Betroffenen haben neben anderen Symptomen oft Schuldgefühle. Manche versuchen, sie mit Rechtfertigungen zu mildern. 

Oder von Angsterkrankungen: Rechtfertigungen sollen Sicherheit bringen, indem sie zum Beispiel vor Kritik oder Ablehnung schützen. Der sogenannte Rechtfertigungszwang kann aber auch Teil dessen sein, was schon im Begriff steckt: einer Zwangserkrankung. «Viele denken dabei an physische Zwangshandlungen wie den Waschzwang», so Bossmann. «Aber es gibt auch mentale Zwangshandlungen.»

Entscheidend ist der Leidensdruck

Entscheidend, ob es sich um eine psychische Erkrankung handeln könnte und ob jemand Unterstützung von außen braucht, sei vor allem der Leidensdruck. «Wenn der Alltag nicht mehr schaffbar ist, man nicht mehr schläft, keinen Appetit mehr hat oder die Gedanken nur noch um vermeintliche Fehler kreisen, sollte man sich Hilfe suchen», rät Christa Roth-Sackenheim. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und zweite Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater.

Aber auch Menschen, die keine derartige psychische Erkrankung haben, können den Drang haben, sich übermäßig zu rechtfertigen. «Betroffen sind vor allem sehr empathische Menschen, die sich viele Gedanken darum machen, was das eigene Verhalten bei anderen bewirkt», erklärt Roth-Sackenheim. Es kommt aber auch auf die Beziehung an: «Wenn Grenzen oder Fehler vom Gegenüber nicht akzeptiert werden, neigt man eher dazu, sich ständig zu rechtfertigen.»

Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale spielen eine große Rolle. «Wenn der Selbstwert von der Bewertung anderer abhängt, kann das einen Rechtfertigungsdrang fördern», so Ulrike Bossmann. 

Und: Wer schon früh gelernt hat, dass er für die Gefühle anderer verantwortlich ist, neige ebenfalls eher dazu, sich zu rechtfertigen. Gleiches gelte für perfektionistische Menschen, die sich nur dann als gut genug fühlen, wenn sie alles hundertprozentig erledigen.

3 Tipps gegen ständiges Rechtfertigen

Ob nun im Rahmen einer Erkrankung oder als Teil von Charaktereigenschaften, hilfreich ist das Rechtfertigen nicht. «Es bringt zwar kurzfristig Entlastung, aber langfristig ist es symptomerhaltend», betont Bossmann. Denn Betroffene interpretieren die empfundene Entlastung als Bestätigung ihres Verhaltens – und werden das auch in Zukunft weiter an den Tag legen. 

Was also tun? Für schwierige Beziehungen rät Christa Roth-Sackenheim, sich Verbündete zu suchen – etwa Freunde fragen, wie sie mit solchen Situationen umgehen. Ansonsten sei auch der Hausarzt oder die Hausärztin ein erster Ansprechpartner.

Ulrike Bossmann hat drei Strategien, mit denen man den Rechtfertigungszwang verringern kann:

1. Ein-Satz-Regel: Bei diesem Vorgehen beschränkt man sich auf maximal einen Satz an Informationen und fügt danach bewusst nichts hinzu. Der Reflex, sich zu rechtfertigen, darf unbeantwortet bleiben - vor allem dort, wo das Gesagte sonst nur der Beruhigung dienen würde.

2. Schuld-Exposition: Das bedeutet, in einer Situation bewusst weniger zu sagen als sich «richtig» anfühlt, und im Austausch auf Rückversicherungen («War das okay von mir?» oder «Findest du, ich habe überreagiert?») zu verzichten. Mit der Zeit lernt man: Die befürchtete Katastrophe tritt nicht ein. 

3. Selbstmitgefühl: Man überlegt sich einen Satz, den man sich selbst sagt, statt sich zu rechtfertigen - das kann durchaus eine gute Ergänzung zu den beiden anderen Strategien sein. Ein Beispiel wäre «Ich darf existieren, ohne mich zu erklären». Denn Selbstmitgefühl kann den Rechtfertigungsdrang signifikant reduzieren.


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(30.04.2026)